Alle Kinder dieser Erde lieben Astrid Lindgren (geboren 1907 in Schweden). Aber auch den Erwachsenen hat die “Mutter” von Pippi Langstrumpf Bedenkenswertes zu sagen:
Jetzt werde ich eine kleine Geschichte erzählen. Ich hörte sie selbst vor langer Zeit, eine alte Dame erzählte sie mir, und ich habe sie niemals vergessen. Sie ging so – wenn ich mich recht erinnere: Ich war jung zu jener Zeit, als fast alle Kinder oft geschlagen wurden. Man hielt es für nötig, sie zu schlagen, denn sie sollten artig und gehorsam werden. Alle Mütter und Väter sollten ihre Kinder schlagen, sobald sie etwas getan hatten, von dem Mütter und Väter meinten, daß Kinder es nicht tun sollten.
Mein kleiner Junge, Johan, war ein artiger und fröhlicher kleiner Kerl, und ich wollte ihn nicht schlagen. Aber eines Tages kam die Nachbarin zu mir herein und sagte, Johan sei in ihrem Erdbeerbeet gewesen und habe Erdbeeren geklaut, und bekäme er jetzt nicht seine Schläge, würde er wohl ein Dieb bleiben, ein Leben lang. Mit Muttern ist es nun einmal so, daß ihnen angst und bange wird, wenn jemand kommt und sich über ihre Kinder beschwert.
Und ich dachte: Vielleicht hat sie recht, jetzt muß ich Johan wohl eine Tracht Prügel verpassen. Johan saß da und spielte mit seinen Bausteinen – er war ja damals erst fünf Jahre alt -, als ich kam und sagte, daß er nun Prügel bekäme und daß er selbst hinausgehen sollte, um eine Rute abzuschneiden. Johan weinte, als er ging. Ich saß in der Küche und wartete. Es dauerte lange, bis er kam, und weinen tat er noch immer, als er zur Tür hereinschlich. Aber eine Rute hatte er keine bei sich.
“Mama” sagte er schluchzend, “ich konnte keine Rute finden, aber hier hast du einen Stein, den du auf mich werfen kannst!” Er reichte mir einen Stein, den größten, der in seiner kleinen Hand Platz fand. Da begann auch ich zu weinen, denn ich verstand auf einmal, was er sich gedacht hatte: Meine Mama will mir also weh tun, und das kann sie noch besser mit einem Stein.
Ich schämte mich. Und ich nahm ihn in die Arme, wir weinten beide soviel wir konnten, und ichdachte bei mir, daß ich niemals, niemals mein Kind schlagen würde. Und damit ich es ja nicht vergessen würde, nahm ich den Stein und legte ihn in ein Küchenregal, wo ich ihn jeden Tag sehen konnte, und da lag er so lange, bis Johan groß war. Dieb wurde keiner aus ihm. Das hätte ich gern meiner Nachbarin erzählen mögen, aber sie war schon lange fortgezogen. Ja, so sprach die alte Dame, die mir dies alles erzählte, als ich noch sehr jung war.
Und ich weiß noch, daß ich mir dachte: Ich werde meine Kinder auch nicht schlagen, sollte ich welche bekommen. Ich bekam zwei Kinder und ich schlug sie niemals. Trotzdem wurden gute Menschen aus ihnen. Und auch sie schlagen ihre Kinder nicht.
Warum erzähle ich das alles?
Es sollte ja vom Frieden die Rede sein. Ich glaube, das tut es auch. In gewisser Weise. Immer noch gibt es viele Mütter und Väter auf der Welt, die ihre Kinder schlagen und glauben das sei gut. Sie meinen, Kinder würden artig und gehorsam durch Schläge. Aber statt dessen werden sie zu solchen Menschen, die gerne selber andere schlagen und weitermachen damit, wenn sie groß sind. Denn wie sollte einer, der sich als Kind an die Gewalt gewöhnt hat, zu einem friedlichen Menschen heranwachsen?
Und wie soll es Frieden geben in der Welt, wenn es keine friedfertigen Menschen gibt? Zu Hause, in den Wohnungen, muß der Friede beginnen. Ich glaube, es wäre gut, wenn ein Stein in den Küchenregalen läge, fast überall auf der Welt, als Erinnerung: Schluß mit Gewalt!
Ich kenne eine Menge Staatsmänner und Politiker, die einen solchen Stein auf dem Küchenregal haben sollten. Aber dann würden sie vielleicht bloß die Steine nehmen und hinausgehen und einander die Schädel damit einschlagen. Denn glaubt man an Gewalt, dann handelt man auch so!
(Festrede, gehalten in der Frankfurter Paulskirche anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, 1978)
Ich danke wieder Monika für die eMail mit dieser Rede.
Viel Spass beim Stein-ins-Regal-legen,
Doc Ramadani
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Dr. med. Marco Ramadani ist niedergelassener Arzt in eigener Privatpraxis für Hypnotherapie und Klinische Hypnose im Neu-Ulmer Stadtteil Pfuhl.
Sehr schöne bzw. wahrhafte Geschichte. Sagt jemand die weiß wie Schläge sich anfühlen und viele Steine hat. Allerdings bekam sie Diese zum GLück niemals von ihrem Sohn. Dieser in einigen Jahren erwachsen und auch ohne Schläge ein gutes Leben gelernt hat. Ein friedvoller Jugendlicher er ist…
liebe Grüsse
Stefanie
Hallo Marco,
tolle Geschichte, schon bemerkenswert diese Mutter.
Werde diese Geschichte gerne an meine Kinder weitererzählen.
Lieber Gruss
Roger
Es ist so wie die Geschichte erzählt – ich möchte sie ergänzen> auch ich habe meine Kinder nie geschlagen! Aber, ich musste viel darüber nachdenken was ich wohl dabei für eine “GEWALT” ausübte, als ich meinen Kindern(zwei) als sogenannte erzieherische Massnahme immer dann, wenn sie einmal ihr Zimmer nicht aufräumen wollten kommentierte: “..also wenn ihr nicht aufräumen wollt, dann stecke ich alles(die Spielsachen) in den grauen Sack und trage ihn zum Müll”..!? Noch heute höre ich manchmal davon, wenn meine Tochter mit Kolleginnen (sie ist inzwischen im Referendariat als Grund +Hauptschullehrerin) sich über Pädagogik unterhalten – ..ja unser Papa hat uns mit dem grauen Sack gedroht..”. Inzwischen bin ich überzeugt, dass jede Gewalt, ob körperlich oder geistig eine Form der Gewalt einnehmen, die eigentlich das Unvermögen des Ausführenden Menschen belegen! Und wenn nach mehr als 15 Jahren zeitlichem Abstand einer solchen “TAT” immer noch eine Reaktion zum Kommentar hinführen, dann sagt das, so meine ich, dass die scheinbar harmlos erscheinende Drohgebärde(weil sie ja keine unmittelbare Gewalt darstellt) in uns nicht nur Unbehagen auslöst, sondern darüber hinaus die Basis für elementare Grundängste ANLEGT! Da bin ich in der Pflicht, bei meinen Kindern um VERGEBUNG zu bitten -mea maxima culpa.
Mir gefällt die Geschichte unheimlich gut. Vor allem, weil die Frau den Mut hatte, selbst nachzudenken und das zu tun, was sie selbst für richtig hielt. Auch mit der Angst, dass vielleicht alle um sie rum, die Gesellschaft ihr Verhalten für falsch hielt und sie das Risiko einging (falls sie falsch lag mit ihrem Gefühl und die Gesellschaft mit ihrer damaligen Einstellung doch recht hatte) ihrem Sohn in der Zukunft sehr zu schaden, für den sie das Beste wollte. Daher eine sehr mutige Entscheidung, für die sie später auch belohnt wurde, da es im Nachhinein die richtige Entscheidung war.
Mir gefällt auch sehr gut die Bemerkung von Burkard, vor allem wie er über sein Verhalten nachdenkt. Einen großen Schritt finde ich, um Verzeihung zu bitten. Kein Elternteil ist jedoch perfekt oder muss perfekt sein. Wenn die Liebe überwiegt, finde ich das sehr positiv. Ich bin derselben Meinung, dass man auch mit Worten Gewalt ausüben kann. Jedoch empfinde ich die Drohung mit dem “grauen Sack” als nicht so schlimm, (auch wenn vielleicht nicht ideal), weil es eine Art Konsequenz eines Verhaltens darstellt bzw. ankündigt. Vieles, was wir tun, führt zu Konsequenzen. Sowohl als Kind als auch als Erwachsener lerne ich damit umzugehen, und für mich negative Konsequenzen zu vermeiden. Sehr fair finde ich es, wenn ich eine Vorwarnung bekomme.
Ich selbst bin nie geschlagen worden, was positiv ist. Aber ich hätte mir als Kind Liebe, vor allem von meinem Vater, gewünscht. Wie wenn er nur einen Stein im Herzen gehabt hätte, statt ein warmes, liebevolles Herz, was uns Kinder anging. Wir waren eine Art “Mülleimer” für seine täglichen Frustrationen. Manchmal wären Schläge, die logisch begründet sind, aufgrund von Dingen, die wir schlecht gemacht haben, leichter zu ertragen gewesen, als die ständige Kälte, die man erhalten hat, egal ob man sich als Kind positiv oder negativ verhalten hat. Daher würde ich den Stein aus der Geschichte auch als Symbol für emotionale Kälte sehen, statt Liebe.